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08 April 2026

Die Zukunft war schon immer scheiße

Die Zukunft war schon immer scheiße – und genau das ist unsere Rettung

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Ein Gastbeitrag der Politikwissenschaftlerin Dr. Florence Gaub, Forschungsdirektorin am NATO Defense College in Rom, hat in der Süddeutschen Zeitung für heilsame Ernüchterung gesorgt. Mit spitzer Feder erinnert sie uns daran: Die Menschheit jammert seit Jahrhunderten, die Welt stehe vor dem Abgrund. Und genau diese ewige Schwarzseherei treibt uns voran.

Stellen Sie sich vor: Ein umstrittener Präsident sitzt im Weißen Haus, im Nahen Osten tobt ein blutiger Krieg, die Angst vor einem Atomkonflikt geht um, und das Wort „Unsicherheit“ dominiert die Schlagzeilen. Die 2020er-Jahre? Weit gefehlt. Es sind die 1970er. Damals landeten Bestseller wie Herbert Gruhls „Ein Planet wird geplündert“ oder Robert Jungks „Der Atomstaat“ auf den Nachttischen besorgter Bürger. Die Stimmung? Apokalyptisch.

Auch die 1980er waren kein Zuckerschlecken. 1983 stand die Welt so nah am Atomkrieg wie selten zuvor: Die Sowjetunion hielt die Nato-Übung „Able Archer“ für den Auftakt zum Dritten Weltkrieg. HIV raffte Hunderttausende dahin, die Arbeitslosigkeit in Deutschland kletterte auf acht Prozent, und im Iran-Irak-Krieg starben rund eine Million Menschen. Dennoch blicken viele Deutsche heute mit milder Nostalgie auf dieses Jahrzehnt zurück.

Die 1990er? Der vermeintliche Siegeszug der Demokratie nach dem Ende des Kalten Krieges. Francis Fukuyama feierte „Das Ende der Geschichte“. Doch gleichzeitig starben in Ruanda fast eine Million Menschen in nur hundert Tagen, in Tschetschenien Zehntausende, und auf dem Tian’anmen-Platz wurden Tausende Demonstranten niedergemetzelt. 1995 erklärten 85 Prozent der Amerikaner den American Dream für tot. Nur 17 Prozent glaubten, es werde ihren Kindern einmal besser gehen.

Selbst die goldenen 1950er-Jahre, die heute als Inbegriff des Optimismus gelten, waren durchzogen von Angst: vor dem Atomkrieg, dem Kommunismus, der Rezession und der angeblichen Verwahrlosung der Jugend durch diesen neumodischen Rock ’n’ Roll.

Florence Gaub, die als Zukunftsforscherin und Sicherheitsexpertin am NATO Defense College in Rom arbeitet, zieht daraus eine kluge, fast tröstliche Bilanz: Keine Generation hat sich je entspannt zurückgelehnt und gedacht: „Ja, die Zukunft wird wunderbar.“ Im Gegenteil. Jede Epoche war felsenfest überzeugt, dass es noch nie so schlimm stand wie gerade jetzt.

Von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ 1918 über Arnold Toynbees Diagnose des zivilisatorischen Verfalls in den 1940er-Jahren bis hin zu Peter Thiels heutiger Klage über das „Ende der Zukunft“ – die Schwarzseher waren immer da. Und sie lagen fast immer falsch. Nicht weil ihre Ängste unbegründet gewesen wären, sondern weil genau diese Ängste die Gegenkräfte mobilisierten.

Auf Spengler folgten Fernsehen, Antibiotika, Luftfahrt und das Frauenwahlrecht. Nach Toynbee kamen Raumfahrt, Computer und die Europäische Union. Auf die Untergangspropheten der 1960er und 1970er Jahre antworteten Personal Computer, Internet und Biotechnologie. Und seit Thiel das Ende der Innovation ausrief, haben wir private Raumfahrt, mRNA-Impfstoffe, Künstliche Intelligenz und eine Revolution bei erneuerbaren Energien erlebt.

Die düsteren Prognosen Paul Ehrlichs in „Die Bevölkerungsbombe“ wurden durch die Grüne Revolution und sinkende Geburtenraten widerlegt. Science-Fiction-Filme wie „Soylent Green“ lösten Umweltschutzgesetze aus, die heute dafür sorgen, dass die Luft in westlichen Großstädten sauberer ist als im 19. Jahrhundert. Die Nato bereitete sich jahrzehntelang auf den schlimmsten Fall eines Krieges mit der Sowjetunion vor – und genau diese Vorbereitung trug vermutlich dazu bei, dass er nie eintrat.

Florence Gaub schreibt mit feiner Ironie: Die Zukunft entsteht nicht trotz unserer Ängste, sondern gerade wegen ihnen. Der Mensch ist offenbar die einzige Spezies, die sich eine noch nie dagewesene Zukunft lebhaft ausmalen kann. Diese Vorstellungskraft erzeugt entweder Begeisterung oder Furcht. Und ein gesundes Maß an Furcht – nicht die lähmende Kassandra-Angst – spornt zum Handeln an. Genau dieses Handeln verändert dann den Lauf der Dinge.

Der Gastbeitrag ist keine naive Schönfärberei. Gaub weiß sehr wohl, dass die aktuellen Herausforderungen – Polarisierung, wirtschaftliche Unsicherheit, Bedrohungen für die Demokratie – real sind. Aber sie erinnert uns daran, dass die Demokratie schon vor hundert Jahren ein gefährdetes Minderheitensystem war und sich dennoch immer wieder erneuert hat.

Die Botschaft ist fast therapeutisch: Wir haben keinen Anspruch auf eine angstfreie Existenz. Die Sorge um morgen gehört zum Menschsein dazu. Statt nur zu klagen, was alles schiefgehen könnte, sollten wir die alte menschliche Gewohnheit nutzen: uns die Zukunft so schlimm vorstellen, dass wir endlich etwas tun, damit sie besser wird.

Und genau deshalb, liebe Leserinnen und Leser, war die Zukunft schon immer scheiße. Zum Glück.


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