Nettoinvestitionen brechen 2025 auf historischen Tiefstand ein – ein Jahrzehnte währender Absturz erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt
Berlin. Deutschland investiert so wenig wie nie seit der Wiedervereinigung. Die Nettoanlageninvestitionsquote – also die Investitionen in Bau, Maschinen, Geräte und Infrastruktur abzüglich der Abschreibungen – ist 2025 erstmals negativ geworden. Sie sank auf minus 0,23 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das geht aus aktuellen Daten des Bundeswirtschaftsministeriums und des Statistischen Bundesamtes hervor, die der Linken-Bundestagsabgeordnete Cem Ince per parlamentarischer Anfrage erhoben hat.
Was viele Bürger längst im Alltag erleben – marode Schulen, Schlaglöcher auf den Straßen, alternde Brücken und eine Infrastruktur, die zunehmend an ihre Grenzen stößt –, wird nun durch harte Zahlen untermauert. „Deutschland fährt auf Verschleiß“, fasst Ince die Entwicklung zusammen. „Eine Infrastruktur im Niedergang. Was viele Menschen längst im Alltag spüren, belegen auch die Zahlen. In unserem Land wird seit Jahren zu wenig investiert.“
Der Rückgang ist kein kurzfristiger Einbruch, sondern das Ergebnis eines jahrzehntelangen Trends. Lag die durchschnittliche Nettoanlageninvestitionsquote in den 1990er Jahren noch bei 7,31 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, schrumpfte sie in den 2000er Jahren auf 2,88 Prozent, in den 2010er Jahren weiter auf 2,29 Prozent und zwischen 2020 und 2025 auf durchschnittlich nur noch 1,02 Prozent. Der Sprung ins Negative markiert den vorläufigen Endpunkt dieser Abwärtsspirale.
Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln teilt die Sorge. IW-Geschäftsführer Hubertus Bardt sieht bereits seit Jahren bei den preisbereinigten Bruttoanlageinvestitionen einen negativen Effekt. „Gerade beim Bau gab es auch im vergangenen Jahr eine reale Reduktion, die nicht ausgeglichen wurde durch die ersten Tropfen aus dem Sondervermögen“, sagte Bardt der Deutschen Presse-Agentur. Über 80 Prozent der Investitionen stammen aus dem Privatsektor – und dort fehle angesichts der konjunkturellen Lage schlicht die Zuversicht.
Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hat ein milliardenschweres Sondervermögen aufgelegt, um genau diese Lücke zu schließen. Ob es jedoch die erhoffte Wende bringt, bleibt offen. Bardt warnt: „Wenn jetzt die öffentlichen Investitionen aus dem Sondervermögen verstärkt fließen, wirkt das sicher positiv, aber es ist fraglich, ob das eine echte Dynamik in der Privatwirtschaft auslöst.“ Die Unternehmen seien nicht optimistisch. Wer heute investiere, tue dies vor allem in reine Ersatzinvestitionen – also um Bestehendes zu erhalten, nicht um zu wachsen.
Die Zahlen werfen ein grelles Licht auf die strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft. Jahrelang wurde der Investitionsstau durch günstige Finanzierungsbedingungen und eine robuste Exportwirtschaft kaschiert. Nun, da die Konjunktur schwächelt und geopolitische Unsicherheiten zunehmen, tritt die Unterinvestition offen zutage. Experten wie Ince und Bardt sind sich einig: Ohne eine nachhaltige Trendwende droht nicht nur ein weiterer Verfall der öffentlichen Infrastruktur, sondern auch ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Ländern, die deutlich höhere Investitionsquoten aufweisen.
Die Bundesregierung betont, das Sondervermögen sei genau der Hebel, um diesen Abwärtstrend zu stoppen. Ob die ersten Mittel bereits spürbar wirken oder ob die Privatwirtschaft tatsächlich mitzieht, wird sich in den kommenden Quartalen zeigen. Bis dahin bleibt die Bilanz eindeutig: Deutschland fährt auf Verschleiß – und der Tank ist fast leer.
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