Champagner über dem Tegernsee: Wie die High Society des Münchner Speckgürtels die Korken knallen lässt
Ein Tag auf der Osterparty am Tegernsee
Der Herrgott selbst schien dem Unternehmen gewogen. Strahlender Sonnenschein lag über dem Westufer des Tegernsees, als Christoph Graf von Preysing und sein Team zur traditionellen Osterparty luden. Gut gekleidete Gäste – Einheimische, Sponsoren, VIPs sowie junge Menschen aus Österreich, München und dem Degerndorfer Land – bevölkerten das Gelände. Manche der Damen hatten sich für luftige Spaghetti-Tops und kurze Röcke entschieden, passend zur ausgelassenen Frühlingsstimmung.
Im Bistro-Bereich funkelte der Champagner in silbernen Eiskübeln, während im Hintergrund der Tegernsee glitzerte. Christoph Graf von Preysing, das Gesicht des „Bistro Mai Liabba“, gilt den einen als zurückhaltender „Fischer aus dem Tal“, den anderen als Deutschlands wohl größter privater Champagnerabnehmer. Seit über zehn Jahren veranstaltet er hier die große jährliche Sause – und steht seither im Zentrum eines Dauerstreits zwischen Befürwortern eines lebendigen Tegernseer Tals und jenen, die von „grausiger Lärmbelästigung“ sprechen.
Der Gastgeber inszeniert sich auf Instagram gekonnt zweigleisig: mal bodenständig mit frischem Fisch und Trachtenhut, mal mondän mit Helikopter im Hintergrund und Champagnerflöte in der Hand. In diesem Jahr hatten sich rund 2.500 Gäste angemeldet. Ein Ticket-Stopp wurde verhängt, um das von der Gemeinde Bad Wiessee vorgegebene Sicherheitskonzept einzuhalten. Preysing ließ bereits durchblicken, dass eine Veranstaltung dieser Dimension künftig nicht mehr stattfinden werde – schon gar nicht am Ostersonntag.
Markeninszenierung und soziale Segregation
Die gedeckten Bistro-Tische boten Fischteller, Artischocken mit Dip und Scampi-Spaghetti. Im abgetrennten VIP-Bereich, in dem etwa 300 Personen Platz fanden, begann der Abend bei einer Reservierungsgebühr von 150 Euro plus einer Verzehrpauschale von rund 450 Euro. Für Champagner und exklusive Markenpräsenz waren hier schnell 5.000 Euro und mehr pro Tisch keine Seltenheit.
Die Veranstaltung war nicht nur kulinarisch, sondern vor allem markenstrategisch orchestriert. Internationale Player wie Red Bull und Moët Hennessy gaben sich ebenso die Ehre wie die Schweizer Luxusuhrenmanufaktur IWC. Lokale Unternehmen wie Varex präsentierten exklusive Automobile. Technikdienstleister, Security-Firmen sowie Wasserwacht und Feuerwehr komplettierten das professionelle Setting.
Jenseits des Bistro-Zauns verteilte sich das übrige Publikum – mit Tickets zwischen 20 und 27 Euro und ohne Mindestverzehr – über das abfallende Wiesengelände Richtung Seeufer. Hier genoss man die Aussicht auf den Tegernsee, den schneebedeckten Wallberg oder potenzielle neue Bekanntschaften.
Gestrandete Alternativen und wachsende Kritik
Nur wenige Meter entfernt, im Herzen von Bad Wiessee, scheiterte parallel ein anderes Vorhaben. Die Düwel-Brüder, Betreiber des „Superschmarrn“ in München, hatten den „Superseegarten“ als sommerliche Pop-up-Beach-Bar auf der Terrasse des leerstehenden Hotels Seegarten geplant. Bereits 700 Karten für die YE-Spring-Opening-Party waren verkauft, als die Gemeinde die Genehmigung überraschend zurückzog. Nun standen lediglich einige Liegestühle und zwei Foodtrucks auf dem Gelände – ein stilles Zeugnis verpasster Chancen.
Während auf der Preysing-Party die österreichische DJane Dominique Jardin die Boxen weiter aufdrehte, trug der Wind den Bass über den See bis nach Rottach-Egern. Dort störte sich ein Herr im Nadelstreifenanzug ebenso wie eine langjährige Urlauberin am „selbstbewussten“ Beschallen des gesamten Tals ausgerechnet am Ostersonntag.
Vom kontrollierten Tanz zum Kontrollverlust
Gegen halb acht Uhr abends war von der anfänglichen Frühlingsidylle wenig übrig. Vor dem Eingang hielt ein Polizeifahrzeug. Zwei Beamte fixierten einen jungen Mann, während einige Gäste mit den Ordnungshütern zu diskutieren begannen. Im Eingangsbereich hockten weitere Besucher, den Kopf auf die Arme gestützt, vor sich die Überreste ihrer letzten Mahlzeit. Der Geruch erinnerte eher an die Wiesn als an ein exklusives Seefest.
Unter 30-Jährige dominierten nun das Bild. Man tanzte dicht an dicht, wankte über ein Gelände, das zunehmend mit Flaschen übersät war. Das eigene Körperempfinden schien bei manchen bereits merklich eingeschränkt. Die Polizei verzeichnete an diesem Abend sieben Einsätze, vorwiegend bei jungen Männern. Der Bad Wiesseer Polizeichef Thomas Heinrich betonte, man wolle keine „Partybreaker“ sein, müsse sich jedoch an klare Vorgaben halten. Er bezweifelte grundsätzlich, ob der Ort für eine Veranstaltung dieser Größenordnung geeignet sei – insbesondere angesichts des einzigen Zugangs- und Fluchtweges.
Christoph Graf von Preysing relativierte die Vorfälle zwei Tage später am Telefon: Von sechs auffälligen Personen bei 3.000 Gästen zu sprechen, liege im „normalen Standard“. Ein hundertprozentig störungsfreier Ablauf sei ohnehin nie zu erwarten.
Als schließlich ein kräftiges Gewitter aufzog und dunkle Wolken über den Kurgarten zogen, beendete der Himmel, was menschliche Kontrolle nicht mehr zu bändigen vermochte. Halb torkelnd, halb strömend machten sich die verbliebenen Gäste auf den Weg zu den nächsten Locations rund um den See – Bussi Baby, Pasquale, Weinbar und Quantum.
Ein Tag am Tegernsee, der einmal mehr zeigte: Zwischen Champagner und Kontrollverlust liegt mitunter nur ein schmaler Grat.
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