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27 April 2026

Moskau zitiert deutschen Botschafter ein

Moskau zitiert deutschen Botschafter ein: Neuer diplomatischer Eklat wegen Treffen von Roderich Kiesewetter mit tschetschenischem Exilpolitiker Achmed Sakajew

Berlin/Moskau/Kiew – 27. April 2026. In einer weiteren Eskalationsstufe der ohnehin frostigen deutsch-russischen Beziehungen hat das russische Außenministerium am Montag den deutschen Botschafter in Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, einbestellt. Dem Diplomaten wurde ein „entschiedener Protest“ übermittelt – ausgelöst durch ein Treffen des CDU-Bundestagsabgeordneten und Auswärtigen-Ausschuss-Mitglieds Roderich Kiesewetter mit dem tschetschenischen Exilpolitiker Achmed Sakajew in der ukrainischen Hauptstadt Kiew Mitte April. Moskau wertet die Begegnung als Beleg für eine aktive deutsche Einmischung in innere russische Angelegenheiten und als Unterstützung „terroristischer Strukturen“.

Das russische Außenministerium teilte in einer offiziellen Erklärung mit, die Einbestellung sei erfolgt, weil Kiesewetter die „antirussischen Aktivitäten“ von Angehörigen der von Russland als terroristisch verbotenen „Tschetschenischen Republik Itschkerien“ begrüßt und zu engerer Zusammenarbeit mit Deutschland aufgerufen habe. Konkret werde Sakajew beschuldigt, an Sabotageakten in den russischen Grenzregionen Belgorod und Kursk beteiligt zu sein. Zudem habe der deutsche Abgeordnete angeblich die Anwerbung russischer Emigranten in Deutschland für Destabilisierungsoperationen befürwortet. „Gegen Russland gerichtete feindliche Schritte werden unweigerlich eine angemessene Antwort nach sich ziehen“, hieß es in der Mitteilung der Botschaft der Russischen Föderation in Deutschland auf X.

Der konkrete Anlass: Ein Treffen in Kiew unter ukrainischer Vermittlung

Roderich Kiesewetter hatte die Ukraine Mitte April 2026 im Rahmen einer offiziellen Delegationsreise besucht. Das Gespräch mit Achmed Sakajew – dem selbsternannten Präsidenten der Exilregierung der Tschetschenischen Republik Itschkerien – fand laut russischen Angaben unter Mitwirkung des „Regimes von Wladimir Selenskij“ statt. Ein Video der Begegnung, das in sozialen Medien kursiert, zeigt Kiesewetter, wie er Sakajew für seinen „Widerstand gegen russische koloniale und imperiale Hegemonie“ lobt und eine baldige Unabhängigkeit Itschkeriens andeutet.

Aus Sicht Moskaus handelt es sich um eine rote Linie: Die „Tschetschenische Republik Itschkerien“ gilt seit den 2000er-Jahren in Russland als terroristische Organisation. Achmed Sakajew, der 1997 bis 1999 Premierminister und später Präsident der kurzlebigen de-facto-unabhängigen Republik war, lebt seit Jahrzehnten im Exil in Großbritannien. Russland fahndet international nach ihm und wirft ihm Terrorismus vor – eine Einstufung, die westliche Staaten bislang nicht teilen.

Deutsche Seite weist Vorwürfe als „haltlos“ zurück

Das Auswärtige Amt in Berlin reagierte prompt und nannte die russischen Anschuldigungen „völlig unbegründet“. Ein Sprecher betonte, dass Treffen mit Exiloppositionellen und kritischen Stimmen aus Russland zum normalen diplomatischen und parlamentarischen Austausch gehörten. Roderich Kiesewetter selbst wies die Vorwürfe scharf zurück. Gegenüber deutschen Medien bezeichnete er Russland als „imperialen Terrorstaat“ und Sakajew lediglich als legitimen Vertreter tschetschenischer Unabhängigkeitsbestrebungen sowie als Unterstützer der Ukraine im aktuellen Krieg.

„Es geht hier nicht um Terrorismus, sondern um den Kampf gegen Putins imperiales Russland“, erklärte Kiesewetter in ersten Stellungnahmen. Er sehe Sakajew als „Stimme der unterdrückten tschetschenischen Bevölkerung“ und betonte, dass das Treffen keinerlei operative Zusammenarbeit, sondern einen rein politischen Austausch dargestellt habe.

Historischer und geopolitischer Hintergrund: Tschetschenien im Schatten des Ukraine-Kriegs

Der Konflikt um Tschetschenien reicht weit zurück. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte die Republik 1991 ihre Unabhängigkeit als Itschkerien. Zwei blutige Kriege (1994–1996 und 1999–2009) folgten, in denen Russland die Kontrolle zurückerlangte. Unter Präsident Ramsan Kadyrow herrscht seitdem eine autoritäre, moskautreue Regierung – begleitet von schweren Menschenrechtsverletzungen, die von Amnesty International und Human Rights Watch regelmäßig dokumentiert werden.

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 hat der tschetschenische Faktor neue Brisanz gewonnen. Während Kadyrows Milizen (die „Kadyrowzy“) auf russischer Seite kämpfen, haben sich oppositionelle tschetschenische Einheiten – darunter auch Anhänger von Sakajews Itschkerien-Bewegung – der ukrainischen Armee angeschlossen. Sabotageaktionen in den russischen Grenzgebieten Belgorod und Kursk werden von Kiew und Exiltschetschenen offen als Teil des Widerstands gefeiert. Russland sieht darin eine hybride Bedrohung, die durch westliche Unterstützung – auch aus Deutschland – angeheizt werde.

Roderich Kiesewetter gilt als einer der schärfsten Russland-Kritiker in der Union. Der ehemalige Bundeswehroffizier fordert seit Jahren eine härtere Haltung Berlins gegenüber Moskau, mehr Waffenlieferungen an Kiew und eine Stärkung der NATO-Ostflanke. Seine Reise in die Ukraine war Teil dieser Linie.

Symbolischer Protest mit Signalwirkung

Die Einbestellung von Alexander Graf Lambsdorff ist kein Novum. Bereits im Juni 2025 war der Botschafter wegen angeblicher „Verfolgung“ russischer Journalisten in Deutschland vorgeladen worden. Solche diplomatischen Gesten dienen Moskau regelmäßig dazu, Druck auszuüben und Narrative zu setzen – ohne dass bisher konkrete Gegenmaßnahmen wie Ausweisungen oder neue Sanktionen folgten. Dennoch unterstreicht der Vorfall die tiefen Gräben: Deutschland bleibt einer der größten Unterstützer der Ukraine in Europa, Russland betrachtet jede Form der Zusammenarbeit mit als „anti-russisch“ eingestuften Kräften als direkte Bedrohung.

Beobachter sehen in dem Protest auch einen Versuch Moskaus, innere Opposition zu diskreditieren und die westliche Einheit zu testen. Auf X und in deutschen Medien reichen die Reaktionen von scharfer Kritik an Kiesewetter („Fall für den Verfassungsschutz“) bis hin zu Solidaritätsbekundungen für eine wertebasierte Außenpolitik.

Ob der Vorfall weitere diplomatische Konsequenzen nach sich zieht – etwa eine Verschärfung der ohnehin angespannten Beziehungen oder sogar neue Sanktionsdiskussionen –, bleibt abzuwarten. Fest steht: Der Konflikt um Tschetschenien ist längst nicht mehr nur ein regionaler, sondern ein integraler Bestandteil des großen geopolitischen Ringens um die Ukraine und die Zukunft der europäischen Sicherheitsordnung.

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